SWONET Interview mit Gabrielle Cacciatore-von Mandach - womenbiz

SWONET Interview mit Gabrielle Cacciatore-von Mandach

Veröffentlicht am 18. Oktober 2022

Judith Barbara Shoukier im Gespräch mit Gabrielle Cacciatore-von Mandach – Gründerin von womenbiz“

SWONET: Du hast tagtäglich mit Frauen in der Berufswelt zu tun. Wie sieht dein beruflicher Werdegang aus?

Gabrielle Cacciatore-von Mandach: Nach der Matura wurde ich Physiotherapeutin und habe mich baldmöglichst zur Hippotherapeutin weitergebildet. Mit 27 Jahren startete ich meine erste Selbstständigkeit in der Hippotherapie in Teilzeit, kurz danach meine erste eigene Praxis. Schon bald folgte meine erste Schwangerschaft. Zwei Umzüge, ein weiteres Kind und zwei weitere Praxen später kauften wir unser heutiges Zuhause mit Arztpraxis in der Region Bern. Hier habe ich mir wiederholt eine physiotherapeutische Selbständigkeit aufgebaut, den nicht-medizinischen Teil des Praxismanagements übernommen, eine Hippotherapie gestartet und mein Angebot durch Ernährungscoachings komplettiert. Parallel dazu haben mein Mann und ich seine Einzelpraxis zu einem Ärztezentrum ausgebaut.

Wissen ist Key; deshalb habe ich mich in verschiedensten Fachgebieten wie Leadership, Marketing und Coaching weitergebildet und wurde dabei oft darauf angesprochen, wie ich denn all diese beruflichen Tätigkeiten, Familie, Haus, Hunde, Pferd etc. unter einen Hut kriegte. Mein Rezept? «Fokussier dich auf dein Potenzial und delegiere den Rest.» Und genau diese Erkenntnis wollte ich auch anderen Frauen zugänglich machen.

Doch wie? Sollte ich ein Buch schreiben oder Vorträge halten und meine Erfahrungen und meine Tipps weitergeben? Als ambitionierte Persönlichkeit hätte mir dies nicht gereicht. Und so kam mir die Idee zum womenbiz Portal – eine Plattform, wo nicht nur ich mein Knowhow teilen, sondern auch zahlreiche andere Frauen ihr Expertentum an die Frau bringen können.

Gesagt, getan: Fast 10 Jahre nach der Gründung von womenbiz, zählt das Portal für Female Entrepreneurs heute unzählige Angebote für mehr Sichtbarkeit, Brand Awareness und Female Empowerment. Und so wie womenbiz stetig gewachsen ist, hat sich auch mein Fokus geshiftet. Die Hippotherapie und die Physiotherapie habe ich deshalb mit der Zeit an Nachfolger übergeben. Aktuell bin ich neben meinem Engagement für womenbiz.ch noch als Speaker unterwegs und weiterhin im Management des Ärztezentrums tätig.

Wie entstand die Idee, womenbiz aufzubauen? Was sind die Ziele von womenbiz?

Wie bereits erwähnt, kam mir die Idee als meine Kinder im Teenageralter waren. Eine Zeit, die ich nutzte, um mein Wissen durch diverse Weiterbildungen zu erweitern.

Ich stellte fest, dass viele Inhaberinnen von kleinen feinen Einzelunternehmen hinter ihrem Potenzial standen und nicht den Erfolg erzielten, der ihnen gebührte. Die Gründe dafür waren vielschichtig, doch eins war klar: Diese Unternehmen sind zu wenig sichtbar und sind ungenügend vernetzt. Und das wollte ich ändern!

Mein Ziel ist, ihnen mehr Sichtbarkeit und Reichweite und somit mehr Brand Awareness zu bieten, damit sie mehr Kunden gewinnen können und letztendlich auch finanziell erfolgreicher und eigenständiger sind. Doch nicht nur das: womenbiz ermutigt Frauen, ihren ganz eigenen Weg zu gehen, schafft Vorbilder und Synergien und motiviert sie mit Businessimpulsen.

Mir ist wichtig, dass Frauen ihr Potenzial leben, ihre Erfolge steigern, ihre Persönlichkeit entwickeln, ihre Selbstständigkeit und Freiheit leben, unabhängig und eigenständig sind. Denn genau das habe ich in all den Jahren meiner beruflichen Selbständigkeit leben dürfen.

Wie sieht dein derzeitiger beruflicher Alltag aus?

Aktuell manage ich die Bereiche Finanzen, Personal und Weiterentwicklung im Ärztezentrum Stettlen. Als Gründerin und Geschäftsführerin von womenbiz.ch arbeite ich an der Umsetzung meiner Vision. Dabei habe ich das Glück, dass sich sowohl mein Office als auch unsere Arztpraxis bei uns im Haus befinden, so wechsle ich ganz einfach zwischen den Tätigkeiten hin und her. Das hat für mich zwei Vorteile: Zum einen verliere ich keine Zeit auf dem Arbeitsweg. Zum andern profitiere ich davon, dass ich bei der einen Aufgabe die nötige Distanz zur anderen erhalte.

Da ich hauptsächlich remote arbeite, bin ich verhältnismässig ortsunabhängig. Ich arbeite im Zug, in Restaurants oder aus dem Ausland. Im Winter arbeite ich oft wochenlang in den Bergen. Ebenfalls bin ich zeitlich sehr flexibel. Wenn ich im «Flow» bin, dehne ich meine Arbeitszeiten aus, ein anderes Mal geniesse ich ganz einfach meine Freizeit und bin so optimal effizient bei guter Work-Life-Balance.

Bei womenbiz führst du ein weltweit funktionierendes Team. Welche Erfahrungen machst du dabei? Welche Schnittstellen zwischen deinen beiden Aufgabenbereichen siehst du?

Egal ob physisch oder remote, erfolgreiche Führung basiert aus meiner Sicht immer auf Vertrauen, klarer Kommunikation und klaren Strukturen. Das remote Arbeiten erfordert jedoch noch mehr Vertrauen, eine noch klarere Kommunikation und mehr Struktur, um einen reibungslosen Ablauf der Arbeiten zu gewährleisten. Wie läuft das Arbeitszeittracking, über welche Kanäle wird kommuniziert, wer ist wann erreichbar, wer arbeitet in welchen Zeitfenstern (Cave: unterschiedliche Zeitzonen): All dies sind Punkte, die für die remote Zusammenarbeit unbedingt geklärt und abgesprochen sein müssen.

Ein kurzes Gespräch am Morgen, in der Kaffeepause oder am Abend, das im physischen Office ganz selbstverständlich ist, fällt beim remote Arbeiten weg. Man muss sich bewusst sein, dass solche Gespräche auch online Platz haben sollten.

Bei womenbiz teilen wir alle unsere Arbeitszeiten relativ frei selbst ein. Wir sprechen im Team lediglich die groben Zeitfenster ab. So haben alle Teammitglieder grösstmögliche Freiheiten.

Wie schaffst du den Switch zwischen deinen verschiedenen Rollen?

Unser Ärztehaus besteht inzwischen seit 20 Jahren und ist gut aufgestellt. Natürlich entwickeln wir auch dort das Business stetig weiter, die Prozesse sind jedoch nach so langer Zeit gut eingespielt. Meine Aufgaben für die Ärztepraxis bedeuten für mich deshalb eher Routine.

womenbiz gibt es zwar auch bereits seit 2013, doch das online Portal mit seinem breitgefächerten Angebot – vom online Magazin über ein Businessverzeichnis für Frauenunternehmen bis zu Marketingunterstützung und Events – hat einen ganz anderen Charakter und muss sich in der analogen und digitalen Welt ganz anderen Herausforderungen und stetigen Veränderungen stellen.

Das Switchen zwischen den Aufgaben der Praxis und von womenbiz liebe ich. In eine gewisse Distanz gehen zu können, indem ich mich dem jeweils anderen Business zuwende, kann sogar helfen Lösungen zu finden. Die beiden Tätigkeitsbereiche befruchten sich also gegenseitig. Zugegeben, diese Arbeitsweise ist nicht jedermanns Sache. Für mich passt das sehr gut. Ganz ehrlich: ich kann mir eine andere Art von Arbeit heute gar nicht mehr vorstellen, sie würde mich wohl langweilen.

Was fällt dir ein zum Satz «Du kannst nicht beides tun, du musst dich entscheiden und dich fokussieren».

Da verdrehe ich wohl meine Augen! Natürlich ist Fokus wichtig, das bedeutet aber nicht zwingend, dass ich nur eine einzige Aufgabe erfüllen kann.

Fokussiert sein heisst, sich auf seine Kernkompetenz zu konzentrieren. Das kann jedoch in mehreren Bereichen sein. Fokus bedeutet für mich auch, möglichst wenige Dinge zu tun, die mir nicht liegen oder die ich nicht wirklich kann. Diese Tätigkeiten gebe ich ganz einfach ab. So bleibt wertvolle Zeit und Energie für das Wesentliche.

Den Grundsatz «Potenzial erkennen, Stärken fördern und einbeziehen», wende ich selbstverständlich auch auf meine Teams an. Es ist von hoher Wichtigkeit, die Aufgaben so zu verteilen, dass Persönlichkeiten und Potenziale optimal genutzt werden. Übrigens gehen auch alle Teammitglieder von womenbiz nebenbei noch anderen Tätigkeiten nach – das Konzept funktioniert also sehr gut!

Wie baust du eine Vertrauensbasis auf mit Menschen, die du persönlich noch nie gesehen hast und mit denen du nur remote arbeitest?

Wertschätzung und eine gute Kommunikation sind bei Führung generell wichtig. In einer solchen Konstellation, wo man nur remote arbeitet, ist dies jedoch noch viel bedeutsamer. In dem man den Teammitgliedern zeigt, dass man ihnen vertraut und ihnen auch adäquate Verantwortung übergibt, gewinnt man ihr Vertrauen, in der Hoffnung, dass sie sich an dich wenden, wenn mal etwas nicht stimmen sollte. Und wir dürfen auch remote einmal einfach nur plaudern.

Ein professionelles Eintrittsgespräch eines neuen Mitarbeiters ist sehr wichtig, ebenso eine betreute Einführung und die Gewissheit, dass wir immer als Ansprechpartner da sind. Abholen ist wichtiger, wenn man auf Distanz zusammenarbeitet. Als Remotearbeitende müssen wir uns bewusst sein, dass hinter einer Mailadresse, einem WhatsApp oder hinter einer Messenger-Nachricht ein Mensch, eine Persönlichkeit steht, auch wenn wir nur virtuellen Kontakt haben.

Wie findest du diese Frauen?

Ich habe meine Teammitglieder sowohl persönlich via Empfehlungen als auch via Agentur gefunden. Beides hat Vor- und Nachteile.

Die Agentur verfügt oft bereits über verschiedene Kandidatinnen und kann in relativ kurzer Zeit eine Shortlist erstellen. Dies zahlt sich sehr aus und ist für mich extrem wichtig, gerade wenn kurzfristig neue Mitarbeiter gefunden werden müssen oder jemand ausfällt. Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass selbstständige Mitarbeiterinnen einem eventuell länger erhalten bleiben und motivierter sind, als solche, die oft nur als Übergangslösung für eine Agentur tätig sind, um dann einen anderen beruflichen Weg einzuschlagen. Es gilt also abzuwägen, was einem wichtiger ist bzw. sich zu überlegen, wie man – je nach Situation – bei einem kurzfristigen Ausfall, bei einem Personalwechsel am besten reagiert.

Was rätst du anderen Frauen, die sich in mehreren Rollen wiederfinden?

Wichtig ist, dass wir uns in allen Rollen wohlfühlen und dass wir rasch von der einen Rolle in die andere wechseln können. Dazu sollten wir lieben, was wir tun, und die verschiedenen Rollen sollten dem eigenen Potenzial entsprechen. Dann fühlt es sich natürlich und leicht an.

Ebenso wichtig ist, gut zu planen und zu strukturieren. Wir sollten immer unterscheiden, ob es eine normale Herausforderung oder eine Überforderung ist. Aufmerksam auf sich hören: Was mache ich gern? Was liegt mir? Gibt es eine Rolle, die mir vielleicht gar keinen Spass macht? Anschliessend eine klare Triage machen.

Es können natürlich auch negative Stimmen und Kritik auf uns einprasseln – sei es aus Unverständnis oder Neid. Niemand kann von aussen alle Facetten sehen. Wir müssen stark auf uns selbst hören. Wenn wir überzeugt sind, das Richtige zu tun, wird uns auch eine negative Meinung nicht bremsen.

Woher nimmst du die Energie für dein Engagement?

Mehrere Schicksalsschläge haben mich gelehrt, dankbar zu sein für das, was ich bereits erlebt habe und was ich bis heute lernen und erschaffen durfte. Auch dafür, dass ich am Morgen aufstehen kann, dass meine Liebsten da sind und dass ich so leben darf, wie ich es tue.

Meine Beziehungen zu meinem Mann, zu meinen Kindern, Partnern, Freunden und zu anderen Unternehmerinnen geben mir enorm viel Energie. Zudem sind mir Bewegung und meine Ernährung sehr wichtig, denn sie sorgen für meine Gesundheit, ebenso wie ein sinnvolles und achtsames Energiemanagement. Ich sorge bei all der Arbeitslast dafür, dass ich immer genug Erholung finde beim Sport, in der Natur und durch genügend Ruhe und Schlaf.

Was möchtest du ganz allgemein Frauen, die am Anfang ihres Berufslebens stehen, mit auf den Weg geben?

Glaub an deine Vision, an dein Potenzial! So wirst du immer Menschen finden, die zu dir passen, die deine Vision unterstützen, mit dir den Weg gehen und für dich da sind. Hab Geduld. Präsentiere dich mit einer klaren Message und Positionierung. Sei dankbar für Herausforderungen, denn an ihnen kannst du wachsen. Lass dich nie zerbrechen, kenne deine Fähigkeiten und sei selbstbewusst. So kannst du stetig lernen, dich weiterentwickeln und selbst zum Vorbild werden. Mach anderen Tür und Tor auf, denn deren Erfolg ist auch dein Erfolg oder zumindest ein Teil davon. Gehe konsequent deinen Weg.

Interview: Judith Barbara Shoukier

Gabrielle Cacciatore | Unternehmerin, Referentin, Coach (gabrielle-cacciatore.com)
Gabrielle Cacciatore-von Mandach
womenbiz

Das Originalinterview findest au auf swonetonstage.ch

Weitere Magazin-Beiträge

vor 4 Tagen

Selbständigkeit ist mein Leben!

Sich stets selber fordern und offen für Neues zu sein, war für mich vielleicht der beste Weg, das eigene Glück zu finden. Rasch wurde mir aber klar, dass man erst dann wirklich selbständig ist, wenn drei Grundbedingungen gegeben sind, auf welche ich nachstehend etwas näher eingehen möchte. Sie waren – und sind – in meinem Leben stets Orientierungspunkt und Antrieb für meine Selbständigkeit.

vor 6 Tagen

Der Kleine Albtraum

Corona ereilt dich im Urlaubsparadies. Deine Ferienbegleitung entpuppt sich als persönlichkeitsgestört. Gegen die Unberechenbarkeit helfen nur deine positiven Ressourcen.

vor 7 Tagen

Unternehmerin sein ist schwierig. Oder doch nicht?

Viele Frauen träumen insgeheim vom eigenen Business. Doch nicht jede schafft es auch diesen Traum in die Realität umzusetzen, und zwar so, dass sie erfolgreich damit ist. Weil es so schwierig ist? Oder eher, weil es am richtigen Vorgehen fehlt?