Die Lüge von der Vereinbarkeit - womenbiz

Die Lüge von der Vereinbarkeit

Veröffentlicht am 8. Juli 2022

Autorin: Petra Sewing-Mestre

Hohe Hürden in der Schweiz

In der Schweiz sind die Hürden für Frauen hoch, Familie und Karriere zu vereinbaren

So kommt zum Beispiel das Bundesamt für Statistik in diesem Jahr in einer ganz aktuellen Studie zu der Erkenntnis, dass 90 Prozent der männlichen Bevölkerung im Alter von 25 bis 54 Jahren erwerbstätig sind und 82,3 Prozent der Mütter mit Partner. Klingt zunächst mal sehr fortschrittlich, ist aber eine Mogelpackung: Denn fast 60 Prozent der Mütter arbeiten Teilzeit, bei den Männern ist es dagegen nur jeder Siebte.

Die Elternschaft hat in unserer Gesellschaft zudem sehr viel grössere Auswirkungen auf die berufliche Situation der Mutter. 70 Prozent der Frauen befürchten beim ersten Kind negative Konsequenzen für ihre berufliche Karriere. Und das zu Recht. Obwohl sich die Erwerbsquote von Müttern in den letzten Jahren verdreifacht hat, hält die Gesellschaft immer noch gerne an der traditionellen Rollenverteilungen fest, welche den Mann als den Hauptverdiener und die Frau als Nebenverdienerin oder Nur-Hausfrau sieht.

Gemäss einer Studie der Universität Genf wählen Frauen oft bereits im Hinblick auf die Familiengründung «weibliche» Berufe und weniger gut bezahlte Karrierewege, in die sie nach der Familienpause einfacher zurückkehren können. Wenn sich dann die Frage nach der Kinderbetreuung stellt, ist meist die Mutter in der Verantwortung, weil ihre Erwerbskraft tiefer ist und sie sich mental oft schon auf einen solchen Schritt eingestellt hat.

Auch die progressive Besteuerung verheirateter Paare führt effektiv dazu, dass oft nicht beide Elternteile Vollzeit arbeiten, da ein höheres kombiniertes Einkommen eine erhöhte Steuerpflicht nach sich zieht. Und da Frauen immer noch oft erheblich weniger verdienen als Männer, sind sie es, die normalerweise ihr Arbeitspensum reduzieren oder ihre Stelle ganz aufgeben

Rollenbild und Realität

Die amerikanischen Sozialforscherinnen Alice H. Eagly und Valerie Steffen untersuchten die gesellschaftliche Bewertungen und Stereotypien hinsichtlich berufstätiger Frauen und Mütter in den USA. Vergleichbare Studien liegen auch für europäische Staaten vor. Die Resultate überraschen nicht: Demnach sind berufstätige Frauen auf höheren Karrierestufen deutlich unterrepräsentiert – und wurden in ihrer Mutterrolle wesentlich negativer bewertet als nicht-berufstätige Mütter und erstaunlicherweise auch wesentlich schlechter als berufstätige Väter. Die Wissenschaftlerinnen konnten nachweisen, dass die Ursachen hierfür sich auf mehreren Ebenen finden lassen, vor allem aufgrund herrschender gesellschaftlicher Überzeugungen zum Rollenbild von Frauen.

Selbst ist die Frau

Kein Wunder, dass immer mehr Frauen in der Schweiz fieberhaft nach einem Ausweg aus diesem Dilemma suchen und keine Lust mehr haben, in den alten Job zurückzugehen, wenn sie Familie haben. Die Aussicht auf ein geringeres Pensum, starre Arbeitszeiten, unbefriedigende Aufgaben und verständnislose Vorgesetzte bringt viele Mamas ins Grübeln. Immer mehr Mütter entdecken gerade durch die Mutterschaft neue Seiten und Fähigkeiten an sich und entwickeln neue Geschäftsideen. Die logische Konsequenz ist dann oft der Sprung in die Selbständigkeit.

Mütter schliessen sich dann gerne auch zusammen. Eine grossartige Möglichkeit, Aufgaben gemeinsam zu tragen – wenn die Chemie stimmt. Aufgrund meiner langjährigen Begleitung von Frauen und Müttern in die Selbständigkeit, bin ich inzwischen davon überzeugt, dass eine Mutterschaft – und die dadurch erworbenen Kompetenzen – eine Frau sogar besonders gut auf eine berufliche Selbständigkeit vorbereitet.

Frauen kennen die Bedürfnisse von Frauen am besten

Viele meiner Klientinnen, die ich in die Selbständigkeit begleite, erschaffen genau die Angebote und Dienstleistungen, die uns Frauen in irgendeinem Bereich unseres Lebens gefehlt haben. Und erzielen damit sehr grosse Erfolge. Zu meinen Klientinnen gehören zum Beispiel eine ehemalige Bankerin, die eine private Kinderkrippe gegründet hat, eine Versicherungsfachangestellte, die jetzt ein Floristikunternehmen führt, eine Journalistin, die mit Begeisterung einen Mama-Blog schreibt, eine Team-Assistentin, die ein Informationszentrum für junge Mütter gegründet hat oder eine Ernährungsberaterin, die sich auf die besonderen Bedürfnisse von Frauen in der Schwangerschaft spezialisiert hat.

Erfolgreiche Geschäftsgründungen durch Frauen

Immer mehr Mütter haben den Mut, als «Mompreneure», den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Und das mit grossem Erfolg: Jedes dritte Unternehmen in der Schweiz wird inzwischen von oder mit Beteiligung einer Frau gegründet.

Frauen gehen im Allgemeinen viel selbstkritischer auf dem Weg zum eigenen Unternehmen vor als Männer. Die Geschäftsidee wird lieber zehn Mal als fünf Mal durchdacht. Frauen denken schon in der Gründungsphase an einen möglichen Plan B (oder C oder D oder E), wenn es mit der ersten Vision nicht so richtig hinhaut.

Ausserdem befassen sich Frauen viel mehr mit vorbereitenden Arbeiten – z.B. mit der Erstellung eines realistischen und tragfähigen Business-Planes – anstatt direkt ins kalte Wasser zu springen und dann unterzugehen. Frauen kümmern sich vorab um andere zu organisierende Bereiche (Kinderbetreuung), ohne deren Klärung ein Unternehmen ebenfalls nicht störungsfrei wachsen kann.

Ein Business, das optimal geplant und durchdacht ist, bietet natürlich eine viel grössere Chance auf Erfolg. Offizielle Statistiken im gesamten deutschsprachigen Raum beweisen das: Frauen gründen zwar immer noch seltener als Männer ein eigenes Unternehmen, sie sind aber auf Dauer dabei erfolgreicher und haben am Markt längerfristig eine grössere Überlebenschance.

Was brauchen selbständige Frauen?

In erster Linie Selbstvertrauen, Motivation und dann das nötige Know How.

Frauen konzentrieren sich – aufgrund ihrer weiblichen Sozialisation – oft darauf, was sie alles nicht können und sie bei ihrem potenziellen Erfolg zurückhält. Wenn frau das erst einmal erkannt hat und sich dann die Erlaubnis gibt, ein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu führen und richtig gross zu denken – dann steht auch dem beruflichen Erfolg nichts mehr im Weg.

Als Mutter und engagierte Familienfrau bin ich diesen Weg selbst gegangen. Aus diesem Grund habe ich die Frauenakademie Luzern gegründet. Dieses Netzwerk motiviert Frauen, ihren Weg zum persönlichen und beruflichen Erfolg zu gehen und ihr Potenzial zu entfalten, von der ersten zaghaften Idee bis zum fertigen Firmenauftritt – gemäss unseres Mottos

«Wir machen Frauen stark».

Aus diesen Gründen unterstütze ich insbesondere Mütter – und auch Frauen nach der Familienphase – zum Schritt in die Selbständigkeit.

Denn auch in der Schweiz bleibt noch viel zu tun hinsichtlich der Gleichheit zwischen Mann und Frau – bestätigt durch die eingangs erwähnte Studie der Genfer Universität:

 «Auf jeden Fall ist die Frau in der Schweiz weniger emanzipiert, als wir alle glauben möchten.»

Es bleibt viel zu tun.

Nicht wer du bist, bremst dich aus. Sondern wer du glaubst, nicht zu sein.

Über die Autorin:

Petra Sewing-Mestre coacht und berät Frauen bei privaten und beruflichen Herausforderungen. Mit ihrem wissenschaftlichen Hintergrund als Psycholinguistin und Kommunikationswissenschaftlerin und ihrer Erfahrung in der Organisation und Führung grosser Unternehmen beschäftigt sie sich seit mehr als 30 Jahren mit blockierenden menschlichen Verhaltensmustern. Zudem ist sie eine gefragte Autorin und Vortragsrednerin.

Die von ihre gegründete «Frauenakademie Luzern» ist ein interdisziplinäres Netzwerk zur nachhaltigen Stärkung von Frauen.

Frauenakademie Luzern
Petra Sewing-Mestre

Telefon: +41 41 212 01 31
E-Mail: info@frauenakademie-luzern.ch
Webseite: www.frauenakademie-luzern.ch

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