Was, wenn wir nicht um Raum kämpfen, sondern neuen schaffen? - womenbiz

Was, wenn wir nicht um Raum kämpfen, sondern neuen schaffen?

Veröffentlicht am 24. August 2026

Autorin: Lea Helfenstein

Was uns Girls Getting Started über Community, Kooperation und die Kraft des gegenseitigen Weiterbringens lehrt.

«Das machen wir auch.»

Ein Satz, den wir in der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen wahrscheinlich alle schon einmal gehört oder selbst gedacht haben.

Gerade wenn mehrere Organisationen, Vereine oder Unternehmerinnen für ähnliche Themen brennen, entsteht schnell das Gefühl von Konkurrenz: Wer erreicht die Zielgruppe? Wer bekommt Unterstützung, Förderung und Aufmerksamkeit? Wer wird sichtbarer?

Doch je länger ich mich mit Community-Arbeit beschäftige, desto stärker beschäftigt mich eine andere Frage: Müssen wir wirklich gegeneinander antreten und um denselben Platz kämpfen, wenn wir für ähnliche Ziele arbeiten? Oder entsteht mehr, wenn wir unsere Kräfte verbinden und neue Möglichkeiten schaffen?

Kooperation beginnt dort, wo Konkurrenz aufhört

Der Verein Girls Getting Started verfolgt eine klare Mission: Wir wollen junge Frauen inspirieren, stärken und miteinander verbinden. Dabei sind wir längst nicht die Einzigen, die sich für Female Empowerment, Unternehmertum oder persönliche Entwicklung einsetzen – und genau das ist eine Stärke.

Denn eine lebendige Community entsteht nicht dadurch, dass eine Organisation alles selbst anbietet. Sie entsteht durch Verbindungen zwischen Menschen und Organisationen, die unterschiedliche Perspektiven, Fähigkeiten und Ressourcen einbringen. Die eine bringt das Netzwerk mit. Die andere die Expertise. Eine kennt die richtige Person, eine andere hat die Idee. Gemeinsam kann daraus etwas entstehen, das allein vielleicht nie möglich gewesen wäre.

Genau darin liegt für mich die Bedeutung von Synergie: nicht einfach Dinge gemeinsam zu tun, sondern gemeinsam etwas zu ermöglichen, das über die einzelnen Beiträge hinausgeht. Dieses Gedankengut leben wir in unserem Verein Girls Getting Started.

Wir müssen nicht alles selbst können

Gerade als Verein erleben wir täglich, dass Ressourcen begrenzt sind. Zeit, finanzielle Mittel, Know-how und Kapazitäten stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung.

Früher hätte ich das vor allem als Herausforderung gesehen. Heute sehe ich darin auch eine Chance: Es erinnert uns daran, dass wir nicht alles selbst aufbauen müssen. Wir können unglaublich viel voneinander lernen und zusammen erreichen. Und der Wille, dies auch zu tun, ist für mich der Anfang jeder guten Kooperation.

Wenn wir für einen Event eine Expertin suchen, müssen wir nicht selbst zur Expertin werden. Wenn jemand anderes bereits ein wertvolles Angebot hat, müssen wir es nicht kopieren. Und wenn eine andere Organisation dieselben Menschen erreicht, müssen wir nicht um dieselbe Aufmerksamkeit kämpfen.

Wir können uns gegenseitig empfehlen.
Wir können Wissen teilen.
Wir können Türen öffnen.

Manchmal ist die wertvollste Form der Kooperation ganz einfach der Satz: «Das ist nicht unser Thema – aber ich kenne jemanden, der dir weiterhelfen kann.»

Genau durch solche Verbindungen ist bei Girls Getting Started bereits viel entstanden. Eine unserer Speakerinnen aus dem Jahr 2024 wurde beispielsweise zur Coachin einer unserer Ambassadorinnen. Diese hat inzwischen ihren eigenen Co-Working-Space eröffnet und damit wiederum einen Ort geschaffen, an dem neue Begegnungen und Ideen entstehen können.

So verstehen wir Community: Nicht als Sammlung einzelner Angebote, sondern als Netzwerk, in dem Menschen sich gegenseitig weiterbringen und etwas der Gesellschaft zurückgeben.

Community braucht Grosszügigkeit

Kooperation ist für mich deshalb weniger eine Frage einzelner Projekte, sondern vor allem eine Haltung des Vertrauens, des Mutes und der Offenheit. Es geht darum, nicht immer zuerst zu fragen: «Was bringt mir das?», sondern auch: «Was kann daraus entstehen?»

Die wertvollsten Verbindungen entstehen oft dann, wenn jemand bereit ist, etwas weiterzugeben, ohne eine unmittelbare Gegenleistung zu erwarten: einen Kontakt weitergeben, obwohl man selbst keinen unmittelbaren Vorteil daraus zieht. Wissen teilen, ohne dafür eine Rechnung zu schreiben. Einer Idee Raum geben, obwohl sie nicht die eigene ist.

Diese Form von Grosszügigkeit bedeutet nicht, weniger strategisch zu handeln. Im Gegenteil: Sie schafft die Grundlage für langfristige Wirkung. Denn wer andere stärkt, stärkt gleichzeitig das Umfeld, in dem auch die eigenen Ideen wachsen können.

Vier Fragen für bessere Kooperationen

Wenn wir über Kooperation sprechen, denke ich deshalb weniger an klassisches Networking und mehr an die Qualität unserer Beziehungen.

Vor einer Zusammenarbeit helfen mir vier Fragen:

  1. Was können wir gemeinsam besser als allein?
  2. Wo können wir voneinander lernen?
  3. Wem nützt die Zusammenarbeit – über uns hinaus?
  4. Was entsteht dadurch, das sonst nicht entstanden wäre?

Die letzte Frage finde ich besonders wichtig. Denn wenn am Ende nur zwei Logos nebeneinanderstehen, ist noch keine Synergie entstanden. Spannend wird es dort, wo durch die Verbindung etwas Neues entsteht.

Gemeinsam mehr möglich machen

Vielleicht brauchen wir deshalb einen Perspektivenwechsel: Weg von der Frage «Wer bekommt den Platz?» und hin zu «Was können wir gemeinsam möglich machen?»

Gerade bei gesellschaftlichen Themen, die grösser sind als einzelne Organisationen, ist Kooperation kein Zusatz; sie ist die Voraussetzung dafür, langfristig etwas zu bewegen. Und vielleicht gilt das auch für uns persönlich: Wir müssen nicht immer die Erste sein. Wir müssen nicht alles allein schaffen. Und wir müssen anderen nicht den Platz streitig machen, um selbst sichtbar zu werden.

Denn Veränderung entsteht nicht dadurch, dass eine Person oder Organisation gewinnt. Sie entsteht, wenn Menschen bereit sind, gemeinsam etwas Neues entstehen zu lassen.


Über die Autorin

Lea Helfenstein ist Präsidentin des Vereins Girls Getting Started, einer Community, die junge Frauen inspiriert, stärkt und miteinander vernetzt. Sie arbeitet im Fundraising und beschäftigt sich mit der Frage, wie Organisationen, Menschen und Ideen zusammenkommen können, um gesellschaftliche Wirkung zu entfalten.

Girls Getting Started
Lea Helfenstein

Webseite: girlsgettingstarted.ch
Email: info@girlsgettingstarted.ch
Telefon: +41 79 719 04 19

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