Tschüss Schwiiz – und «bienvenidos en Andalucía» Gedanken von Brigitte Claudia Schläpfer-Regli über ihre Wahlheimat Andalusien - womenbiz

Tschüss Schwiiz – und «bienvenidos en Andalucía» Gedanken von Brigitte Claudia Schläpfer-Regli über ihre Wahlheimat Andalusien

Veröffentlicht am 25. Februar 2022

Autorin: Brigitte Claudia Schläpfer-Regli

Acht Jahre ist es her, als ich zusammen mit meinem Mann Roger und unseren Kindern Lilian, Olivia und Dominic, zu diesem Zeitpunkt vierzehn, zwölf und zehn Jahre alt, nach Südspanien gezogen bin. Oft werde ich gefragt, was uns zu diesem «mutigen» Schritt bewogen hat, und wie es uns heute geht?

Wir hatten ein sehr ausgefülltes, intensives und glückliches Leben in der Schweiz. Aber eben, ausgefüllt im wahrsten Sinne des Wortes. Kaum Raum und Zeit die intensive Lebensphase, in der vermutlich jede Familie mit drei heranwachsenden Kindern in der Schweiz steckt, zu geniessen. Als Therapeutin der TCM Traditionellen Chinesischen Medizin war mir sehr wohl klar, dass die Voraussetzungen für eine gesunde Work-Life-Balance, und somit das von den Chinesen hochgepriesene «lange Leben», wohl kaum gegeben sind.

Mehr Ruhe, mehr Erholungsphasen, mehr Gelassenheit wünschten wir uns. Aber – ist es realistisch – dies in unserem «klassischen Schweizer Alltag» zu finden? Immer wieder fragten wir uns, wie es die Südländer schaffen, das Leben konsequent im «Hier und Jetzt» mit der nötigen Ruhe und Gelassenheit zu geniessen.

Sind es das Klima, die Ernährung, die Kultur oder vielleicht die anderen Lebensprioritäten? Heute weiss ich, es ist ein Zusammenspiel all dieser Faktoren.

Da würde man meinen: «Nichts wie weg aus dem arbeitsintensiven Leben in der Schweiz!»

Nein, ganz im Gegenteil: «Nichts wie hin, nach Andalusien!» Das war uns schon immer wichtig und steht heute noch – acht Jahre später – im Mittelpunkt unseres Projektes. Wir wollten nicht die Schweiz und unsere Lieben verlassen, sondern uns und unseren Kindern die Chance eröffnen, eine «andere, spannende» Welt kennen und schätzen zu lernen.

So entschlossen wir uns das vorerst auf drei Jahre befristete Familien-Timeout zu starten und uns einen Ort zu suchen, der folgende Kriterien zu erfüllen hatte: Sonne, Wärme, Olivenbäume, sympathische und familienfreundliche Menschen, politische Stabilität und ein funktionierendes Schulsystem.

Gesucht – gefunden – Andalusien hatte es uns angetan. Wir verliebten uns in eine alte Olivenölmühle, die auf einem sanften Hügel schlummerte, mit herrlichem Ausblick auf unendlich scheinende Olivenhaine. Die Kraft der Natur, die Ruhe und das heiss-trockene Klima haben uns fasziniert. Der ideale Ort, unsere Idee vom eigenen kleinen, aber feinen Landhotel mit eigenem Olivenhain zu realisieren. Wir bauten diesen wunderbaren und historischen Platz aus. Mein Mann Roger und meine Eltern legten sofort Hand an und schufen zusammen mit einheimischen Handwerkern unser «kleines» Erholungsparadies. Unsere Tochter Olivia und ich machten in der Schweiz den «Finish» und reisten im Sommer 2013 nach.  

Zuerst das Vergnügen – dann die Arbeit

Schnell lernten wir, dass Arbeit und Termineinhaltung nicht zuoberst auf der Prioritätenliste unserer Handwerker stand und dass zu gewissen Zeiten wie während der Osterwoche, am Nationalfeiertag oder bei Regen nicht gearbeitet wird. Kirchliche Feste – wovon es einige gibt – werden meist während mehrerer Tage zelebriert.

Im sonnenverwöhnten Andalusien – wo während dreihundert Tagen die Sonne scheint – ist es legitim, während eines Regentages auf das Arbeiten zu verzichten.

Dennoch schafften wir es, die zweite Etappe unseres Projektes termingerecht zu realisieren. Voller Stolz und Enthusiasmus eröffneten wir unser kleines Landhotel mit sechs Zimmern am 1. April 2014.

Was war die erste Etappe?

Das Ankommen und Integrieren von jedem einzelnen von uns und von uns als Familie war klar die erste Etappe. Für uns war es besonders wichtig, dass wir einen Teil von Montoro, dem kleinen authentischen Städtchen mit zehntausend Einwohnern werden würden.

Unsere Kinder besuchten die örtliche Schule und fanden bereits in der ersten Schulstunde Freunde fürs Leben. Die Offenheit, die Herzlichkeit und die Gastfreundschaft berührten uns tief im Herzen. «Mi casa es tu casa» wurde uns oft gesagt und war auch ernst gemeint. So ging es keine Woche, bis unsere Kinder bei ihren Freunden ein und aus gingen.

Fasziniert, überwältigt und erstaunt

Oft stellten wir fest, dass die Uhren in Andalusien langsamer laufen. Sagen wir einmal, wie bei uns vor vierzig Jahren – ein «Deja vu» aus meiner Kindheit. Zusammensein von Jung und Alt, Bescheidenheit, Genügsamkeit und Dankbarkeit standen wieder im Vordergrund.

Die etwas andere Zeitrechnung

Unsere Pünktlichkeit in der Schweiz zeigt sich in Minuten. Ganz anders ist dies in Andalusien, wo Termine sich über «heute», «morgen» bis «irgendwann» definieren. So lernten wir auch schnell, dass «mañana» – je nach Situation und Tonfall – eine andere Bedeutung beinhaltet.

Für mich persönlich war aber gerade dieses «lockere» Verhalten zum Zeitmanagement eine Wohltat. «Effizienz» wurde abgelöst durch «Leben im Moment». Planung verliert an Bedeutung, da sie schlicht und einfach keine Priorität hat und somit auch keinen Erfolg bringt.

Zugegeben, sich auf diese «neue» Form der Zeitrechnung einzulassen, benötigt seine Zeit und auch Nerven. Fokussiert man sich aber auf die Chancen, die diese Lebensphilosophie in sich birgt, erkennt man den grossen Wert der «Ruhe und Gelassenheit».

Die Familie mit ihrer Tradition und Kultur steht an oberster Stelle

Andalusien litt bis 1975 unter dem «Franco-Regime», was die Menschen heute noch prägt. Armut, Hunger, Unterdrückung und Fremdbestimmung haben bis vor siebenundvierzig Jahren den Alltag und das Leben der Andalusier geprägt. Sie lernten, gut zu prüfen, wem sie vertrauen können. Die Institution «Familie» steht deshalb für Vertrauen und Beständigkeit.

In der Andalusischen Kultur – vor allem auf dem Lande – ist es üblich, dass drei Generationen im selben Haushalt zusammenleben. Diese Wohnform ist einerseits geprägt von der Tradition, andererseits auch von den fehlenden finanziellen Mitteln, sich in jungen Jahren selbständig zu machen. Dies erfordert Respekt, Kompromissbereitschaft und gibt auf der anderen Seite Vertrauen und Geborgenheit sowie Sicherheit.

So erleben wir oft, dass über Themen, zu denen man nicht dieselbe Einstellung haben könnte wie das Gegenüber, nicht gesprochen wird. Dies sind klassischerweise Themen wie Stierkampf, Kirche und Königshaus. Andalusier empfinden die «selbstsichere Haltung» vieler Ausländer zum Thema Stierkampf sehr verletzend, da sie selbst – auch wenn sie nicht zu den Befürwortern gehören – ihre ganz persönliche Meinung nie in der Öffentlichkeit kundtun würden. Dies ist für sie ein Zeichen von Respekt gegenüber dem Gesprächspartner.

Die spanische Werte-Hierarchie

Aus der jahrhundertealten Geschichte Andalusiens ist die heute noch gültige Werte-Hierarchie entstanden. Zuoberst steht die Familie, dann kommen die engsten Freunde. Dann folgt die Arbeit, die es benötigt, um das Geld zu verdienen, welches das Überleben sichert und schöne Momente im Kreise der Liebsten ermöglicht.

Die Sinnhaftigkeit der Arbeit und die Erfüllung während der Arbeit wird weit weniger gewichtet, als in der Schweiz, da aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit viele Menschen nicht in demjenigen Berufsfeld arbeiten, das sie sich auswählen würden. Sie arbeiten dort und das, was gerade im Angebot ist. Heute noch arbeiten junge Menschen nach ihrem abgeschlossenen Studium als Taxifahrer, bei der Olivenernte oder in der Gastronomie. Ganz zu schweigen von den Frauen, die – aufgrund der bis heute fehlenden Emanzipation – oft weder einer Ausbildung noch einer für sie stimmigen Arbeit nachgehen können.

Win-Win-Situation

Wir haben uns von der ersten Stunde an sehr wohl gefühlt in unserer Wahlheimat. Die Andalusier haben uns herzlich empfangen, uns ihre Kultur gezeigt und uns unterstützt, dass wir uns im Schulsystem und im Dorfleben wohl fühlen.

Im Gegenzug haben wir ihnen aber auch gezeigt, wie ein Leben ausserhalb von Montoro und Andalusien funktionieren kann und worauf es ankommt, dass die jungen Menschen Zukunftsperspektiven entwickeln können. Selbstverantwortung, sich mit dem Fortschritt zu beschäftigen, international zu denken, Sprachen zu lernen und auf seine ganz persönlichen Bedürfnisse zu hören und dafür zu kämpfen scheint uns die Basis für Entwicklung zu sein. Findet dieser Prozess mit Respekt und Rücksicht auf die traditionellen Werte statt, bringt er ein sinnerfülltes Leben.

Wie eine Schweizer Familie zum internationalen Olivenwettbewerb kommt

Wir kauften mit unserer Finca – wie erwähnt – einen alten Olivenhain, bestehend aus rund dreihundert knorrigen dreihundert Jahre alten Olivenbäumen. Für uns war klar, dass wir eigenes Olivenöl erster Güte nach den biologischen Prinzipien produzieren möchten.

Dies löste bei so manchen spanischen Freunden und Olivenbauern Kopfschütteln aus. Biologisch? Frühe Ernte und somit zwar bessere Qualität aber weniger Ertrag? Diese Gedanken hatten bisher nur für wenige Olivenölproduzenten in Andalusien Platz – im grössten Olivenanbaugebiet der Welt.

Gesagt – getan! Wir bildeten uns auf der ganzen Ebene «rund um die Olive und das Olivenöl» weiter. Wir tauschten uns mit anerkannten Profis und versierten Olivenölkennern aus und kamen zum Schluss, dass wir von der Baumpflege bis über das Ernten und Vermarkten unseres «Grünen Goldes» alle Prozesse selbst machen oder selbst überwachen wollen.

Im Mai 2021 gelang es uns, den Internationalen Olivenölwettbewerb auf unsere Finca Olivetum Colina zu bringen. Ein einmaliges Erlebnis besonderer Art, worauf wir sehr stolz sind.

Im Dezember 2021 fand auf Initiative meines Mannes Roger das erste Mal ein Olivenöl-Markt in Montoro statt, an dem unser Olivenöl als das «gesündeste» Bio-Olivenöl virgen extra prämiert wurde.

Und heute – nach gut acht Jahren?

Nach acht Jahren können wir alle behaupten: Wir sind «angekommen» in Andalusien. Die Pandemie der letzten zwei Jahre hat uns allerdings «etwas in die Knie gezwungen», sodass ich wieder vermehrt in der Schweiz in meiner Praxis für TCM Traditionelle Chinesische Medizin arbeite.

Wir haben aber gelernt, dass jede Veränderung wieder eine Chance sein kann. So habe ich auch die Möglichkeit erhalten, unser Olivenöl Olivetum Colina virgen extra in der Schweiz zu verkaufen und verschiedene Events «rund um das grüne Gold» durchzuführen.

Unsere mittlerweile erwachsenen Kinder studieren in Spanien und London. Die unbezahlbare Erfahrung und das Einswerden mit den verschiedenen Kulturen, Sprachen und Mentalitäten öffnet uns allen heute noch täglich neue Türen.

Genau das versuchen wir in unserem Landhotel Olivetum Colina zu leben, ganz nach dem Motto: Ankommen. Loslassen. Geniessen. Die Ruhe in und um unser Guesthouse wird von unseren Gästen sehr geschätzt und macht ihre Ferien zu einem wertvollen Timeout vom stressigen Alltag.

Fazit

Weniger intensiv und ausgefüllt ist unser Leben nicht geworden. Wir gönnen uns aber heute den Luxus, in unserem Tempo «zu gehen und zu wirken». Wir geniessen den Moment und erleben dank einer neuen Aufmerksamkeit zahlreiche sinnerfüllte Augenblicke.

Über die Autorin

Meine ganze Passion gilt den Menschen. So führe ich seit über zweiundzwanzig Jahren meine eigene Praxis für TCM Traditionelle Chinesische Medizin in Wil/SG. 2013 realisierte ich zusammen mit meiner Familie unser Timeout-Projekt. Wir kauften eine alte Olivenöl-Mühle in Andalusien/Spanien und bauten diese stilgerecht um. Seit 2014 führe ich zusammen mit meinem Mann unser preisgekröntes Boutique-Hotel Olivetum Colina. Wir gehören seit 2018 zu den zehn besten Kleinhotels Spaniens. Mit unserem hauseigenen Olivenhain produzieren wir das biologische Olivenöl Olivetum Colina virgen extra riquessa und verkaufen es in Deutschland und in der Schweiz.

Brigitte Claudia Schläpfer-Regli

Brigitte Claudia Schläpfer-Regli

Therapeutin TCM Traditionelle Chinesische Medizin, Mitinhaberin des Boutique-Hotels Olivetum Colina und Olivenölproduzentin in Andalusien.

Olivetum Colina

Brigitte Claudia Schläpfer-Regli

Telefon: 0041 77 417 49 58 / 0034 648 793 134
Email: info@olivetum-colina.es
Webseite: www.olivetum-colina.es / www.suportis.ch

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