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Lernen – weit mehr als Schule

Veröffentlicht am 6. August 2021

Autorin: Dina Mazzotti

Lernen verbinden viele von uns mit Schule. Was tun, wenn uns diese Zeit so schlecht geprägt hat, dass weiteres lebenslanges Lernen blockiert bleibt?

Schule ist für viele von uns leider auch negativ geprägt. Die meisten von uns kennen diese eine Lehrperson, die uns die Freude an einem Fach oder gar am Lernen selbst genommen hat. Die Lehrerin, die unser Selbstvertrauen so langfristig untergraben hat, dass wir es erst später mühevoll wieder ans Tageslicht locken konnten. Jenen Lehrer, dem die unzähligen Schweissausbrüche, wenn wir vor Publikum präsentieren dürfen, geschuldet sind.

In meiner Beratungspraxis für hochbegabte Kinder und ihre Bezugspersonen höre ich leider auch heute noch von solchen Erlebnissen, die mir wirklich im Herzen wehtun. Und trotzdem glaube ich, dass Schule heute anders geht, dass sehr viele Lehrpersonen da draussen unter herausfordernden Bedingungen tagtäglich ihr Bestes geben, um die nächsten Generationen dazu zu befähigen, sich ganz neuen Problemen zu stellen und unkonventionelle Lösungen zu finden.

Was aber passiert mit uns Erwachsenen, die unter Umständen dem Wissenserwerb traumatisiert gegenüberstehen? Lebenslanges Lernen ist heute mehr denn je gefragt, ja gefordert und hat nicht bloss mit kognitiven Fähigkeiten zu tun, sondern auch mit unserem Mindset.

Was Hänschen nicht lernt …

Diesen Spruch kennen wir alle. Einige von uns haben ihn in ihrer Kindheit zur Genüge zu hören gekriegt und ihn allenfalls auch den eigenen Kindern unter die Nase gerieben. Dabei hat die Neurobiologie ihn schon längst entkräftet – trotzdem hält er sich hartnäckig. Heute wissen wir, dass unser Gehirn so konzipiert ist, dass es selbst im hohen Alter noch neue Informationen verarbeiten und somit Neues lernen kann! Die früher verbreitete Annahme, das Gehirn könne nur bis zum vierten Geburtstag wachsen, ist längst widerlegt.

Vor einigen Jahren führte der Neurologe Arne May vom Uniklinikum Hamburg eine Feldstudie mit seinen Studierenden durch. Teilnehmen konnten alle, sofern sie nicht jonglieren konnten. Denn genau das sollten sie nämlich unter wissenschaftlicher Beobachtung erst lernen.

Nicht das kinästhetische Potenzial seiner Studenten interessierte den Wissenschaftler, sondern die Veränderungen, die im Gehirn passieren, wenn etwas Neues gelernt wurde. Mit bildgebenden Verfahren untersuchte Arne May die Gehirne der Teilnehmer, am Anfang der Studie und nach drei Monaten intensiven Jonglierens. Dabei konnte er etwas Erstaunliches feststellen: In zwei Hirnarealen hatte deutliches Wachstum stattgefunden.

Was passiert im Gehirn, wenn man etwas Neues lernt?

Nun war der Forscherdrang definitiv geweckt: May wollte unbedingt herausfinden, ob auch ältere Menschen dieses Ergebnis erzielen konnten.

Deshalb führte er die Studie ein zweites Mal durch – mit Senioren ab 60 Jahren. Auch diese liess er drei Monate jonglieren und untersuchte anschliessend die Veränderungen in den Gehirnen. Er war begeistert, als er in den Gehirnen der Senioren in den gleichen Hirnarealen wie bei den jungen Menschen ein signifikantes Wachstum feststellte.

Dass auch im Erwachsenenalter die Gehirnsubstanz noch zunehmen kann, war eine evolutionäre Erkenntnis, mit der ein altes Dogma widerlegt wurde.

Das Gehirn kann in jedem Alter wachsen!

Was dabei genau im Gehirn passiert, lässt sich noch nicht schlüssig erklären, aber Arne May hält es für wahrscheinlich, dass zwischen bereits existierenden Zellen neue Verbindungen entstehen und gestärkt werden.

Sicher ist allerdings: Wenn das Training aufhört, geht in genau dem Areal, welches Substanz zugelegt hat, auch wieder Substanz verloren. Das heisst also konkret, dass unser Gehirn ein Leben lang plastisch bleibt, also gleichermassen zunehmen, aber auch wieder abnehmen kann. Wie im Sport gilt auch hier: Wer rastet, der rostet! Ergo: Das Gehirn muss gefordert werden. Natürlich kann man auch jonglieren lernen, aber am besten lernt man etwas, was einem richtigen Spass macht, Herausforderung und im besten Fall sogar Nutzen bringt.

Lerntechniken

Kinder wie Erwachsene können von Lerntechniken profitieren, auch wenn es in beiden Altersgruppen immer wieder Stimmen geben wird, die finden, sie hätten «so etwas» nicht nötig. Trotzdem kann es sich lohnen, sich antizipatorisch mit dem Thema auseinanderzusetzen, damit man im Ernstfall ein Repertoire hat, auf das man zurückgreifen kann. Und in Klammern bemerkt: Gerade Frauen, denen das Lernen als Schülerin oder Studentin sehr leichtgefallen ist, können davon profitieren, weil einem in der Regel ab einem gewissen Alter leider nicht mehr alles nur «zufliegt».

Weitere praktische Lerntipps und entsprechende Literatur stehen auf meiner Website www.begabtundglueckli.ch und in einem meiner letzten Blogs zur Verfügung.

Lernen als Quell der Zufriedenheit und Freude

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man sich das Lernen erleichtern kann, genauso wie es Wege gibt, sich immer wieder neu zu motivieren. Denken wir gross! Denken wir an all das, was wir auf dem Weg zur Person, die wir jetzt sind, ausserhalb der Schule gelernt haben!

Allerdings passiert das wirklich Belebende am Lernen meiner Meinung nach in unserem Innern:  Es ist der Prozess, das, was beim Erfahren von Neuem passiert, das unsere Seele erfreut. Es hilft, sich das unmittelbare, noch so kleine Erfolgserlebnis (z. B. einen Fortschritt zu realisieren oder einen anspruchsvollen Sachverhalt strukturiert erklären zu können) vor Augen zu halten.

Vielleicht könnte man auch ein bisschen pointiert sagen, «Freude am Lernen ist eine Entscheidung». Es ist uns freigestellt, dieses Mindset-Pflänzchen zu setzen, es zu hegen und pflegen und sich vielleicht auch mit weiteren Lernfreude-Gärtnerinnen auszutauschen. Ich jedenfalls hoffe, dass das Lesen dieses Artikels Dünger für Lernfreude ist und Lust auf Neues macht und stehe für weiterführende Gespräche zum Thema gerne zur Verfügung!

begabt & glücklich
Dina Mazzotti

Telefon: +41 79 79 333 64
E-Mail: hallo@begabtundglueckli.ch
Webseite: https://www.begabtundglueckli.ch

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