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Die Problemzone der Frau sind die Finanzen

Veröffentlicht am 1. Oktober 2018

Sylvia Raguth ist Inhaberin einer Firma für Vorsorgefragen. Und als Beraterin für Vorsorge und Finanzen ist sie unter anderem auch in der Frauenzentrale Bern tätig. Sie findet, Frauen sollten sich – viel mehr als heute üblich – rechtzeitig und ausgiebig mit Finanz- und Vorsorgefragen beschäftigen.

«Frauen haben nach wie vor ein Urvertrauen in den Mann als Versorger»

INTERVIEW: RUDOLF BURGER

Sylvia Raguth, welches sind denn die wichtigsten Themen, mit denen Sie als Finanzplanerin konfrontiert werden?

Meine Arbeit als Finanzplanerin ist sehr breit und vielfältig. Es geht in erster Linie um Folgendes:

  • Wie hoch sind meine Einnahmen nach der Pensionierung?
  • Kann ich mir eine vorzeitige Pensionierung leisten?
  • Wie kann ich meine Altersvorsorge aufbauen?
  • Habe ich Beitragslücken bei der AHV? Wenn ja, kann ich diese schliessen?
  • Ist es möglich, Einkäufe in die Pensionskasse zu tätigen?

Häufig gestellte Fragen betreffen auch Sozialversicherungen, Vermögen, Wohneigentum, Steuern, Ehe- Erbrecht und Versicherungen.

In welchen Situationen suchen Frauen Sie für Vorsorgeberatung auf?

Drei Situationen stehen im Vordergrund. Erstens sind viele Mütter wegen Kinderbetreuungspflichten in Teilzeitpensen im Niedriglohnbereich tätig oder arbeiten gar nicht. Das sind typische Frauenprobleme. Die Folgen rächen sich im Alter – und belasten die Beziehung. Was das für die Vorsorge bedeutet, ist vor allem für ältere Personen ein Schock, da oft nicht mehr genügend Zeit bleibt, um die Altersvorsorge aufzubauen. Ein weiterer Themenbereich betrifft Ratsuchende in einem körperlich wie mental anstrengenden Beruf, die eine vorzeitige Pensionierung in Betracht ziehen und aufgrund von beruflichen Unterbrüchen (Familienpflichten, Scheidung usw.) nur eine bescheidene Vorsorge aufgebaut haben. Schliesslich geht es auch oft um Kundinnen, die eine selbständige Tätigkeit aufnehmen möchten, aber nicht über genügend finanzielle Mittel verfügen und deshalb das Freizügigkeitsguthaben als Startkapitel beziehen wollen oder Fragen zu Versicherung und Vorsorge stellen.

Kommen tendenziell eher jüngere Frauen?

Nein, es sind alle Altersklassen und Gesellschaftsschichten vertreten, ledige und verheiratete Frauen, Erwerbstätige wie auch Selbständigerwerbende. Und leider gibt es auch Frauen, die am Existenzminimum leben und wissen möchten, wie sie ihr Budget optimieren könnten und ob sie Anspruch auf Ergänzungsleistungen haben.

Warum kümmern sich die Frauen weniger um ihre finanzielle Sicherheit?

Viele verheiratete Frauen fühlen sich – übrigens unabhängig von ihrem Bildungsniveau – schlicht nicht für ihr finanzielles Auskommen verantwortlich, was angesichts der Scheidungsquote von 40 % verblüffend ist. Frauen haben nach wie vor ein Urvertrauen in den Mann als Versorger. Langfristig ergeben sich ungeahnte finanzielle Probleme. Aussagen wie „ich wusste das alles nicht. Das hat mir niemand gesagt und mich über die Konsequenzen aufgeklärt“ höre ich leider oft. Eine einmal entstandene Lücke lässt sich nicht mehr schliessen! Frauen sollten das Thema Geld also nicht verdrängen, sondern sich aktiv damit auseinandersetzen. Dies beginnt in der Partnerschaft beim Mittragen von Geldentscheiden und geht von Informationsbeschaffung über mögliche Anlagen bis zur Überprüfung von Vorsorge und Versicherungen. Voraussetzung hierfür ist und bleibt, dass Frauen Geld zum Thema machen.

Welches sind frauenspezifische Fallstricke in der Vorsorgeplanung?

Grösstes Problem ist die Eintrittsschwelle, der Koordinationsabzug im BVG (Bundesgesetz über die berufliche Alters- Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge). Viele Löhne von Frauen mit tiefen Arbeitspensen reichen nicht für einen Eintritt in eine Pensionskasse. Leben sie im Konkubinat, sieht es schlecht aus, wenn der Mann arbeitslos wird, stirbt oder sich von ihr trennt und kein Konkubinatsvertrag vorhanden ist. Weiter geraten junge alleinerziehende Frauen schnell in die Armutsfalle, denn es fehlt vielerorts an bezahlbaren Betreuungsstrukturen, die es ihnen erlauben würden, mehr zu arbeiten. Für ältere Arbeitnehmer ist eine berufliche Neuorientierung oder Aufstockung des Arbeitspensums schwierig. Ein Wiedereinstieg scheitert oft an den Realitäten des Arbeitsmarktes.

Kann es sich eine Frau denn überhaupt erlauben, ganz mit der Erwerbstätigkeit aufzuhören?

Dies hängt von der wirtschaftlichen Situation der Frau und ihres Partners ab. Verfügt ein Paar über genügend finanzielle Mittel, muss sich die Frau – auch wenn die Beziehung nicht hält – zumindest in Sachen Finanzen und Pensionskasse keine oder weniger Sorgen machen. Aber: Viele Frauen sind im Alter finanziell unterversorgt. Meiner Meinung nach sollten Frauen auf gar keinen Fall aus dem Erwerbsleben aussteigen, sondern den Mut haben, in einem 70 – 80 %Pensum weiterzuarbeiten, statt zum Beispiel auf 50 – 60 % herunterzufahren. Nur so können sie erreichen, weder in Karriere noch auf finanzieller Seite Einbussen zu erleiden. Ein längerer Erwerbsunterbruch kann nämlich einen Wiedereinstieg ins Berufsleben stark erschweren. Und solche längere Unterbrüche wie auch langjährige tiefe Teilzeitpensen sind in der Schweiz leider stark verbreitet.

Welche Massnahmen soll eine Frau, die sich um ihre Vorsorge kümmern will, als erstes treffen?

Egal ob eine Frau single, verheiratet, geschieden, berufstätig oder selbständig erwerbend ist: Sie sollte sich unbedingt Klarheit über ihre persönliche Vorsorgesituation verschaffen. Wichtig sind insbesondere folgende Massnahmen:

  • Frühzeitig planen und sparen, um das Alterskapital aufzubauen
  • Einzahlungen in die Säule 3a
  • Einkauf in eine Pensionskasse, falls möglich
  • Konkubinat: Ein Konkubinatsvertrag ermöglicht es, in der 2. und 3. Säule individuelle Regelungen (Begünstigung) zu treffen. Bei krass ungleichem Verdienst sollten Frauen den Mut haben, ihren Partner zu verpflichten, für sie Einkäufe in die zweite oder dritte Säule zu tätigen.
  • Beraten lassen. Entscheidungen sind komplex, von hoher Tragweite und es geht um viel Geld.

Und dann muss frau die Massnahmen auch tatsächlich umsetzen!

Unbedingt. Denn finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit sind nebst Gesundheit ein wichtiger Teil unserer Lebensqualität.

Sie beraten ja nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Haben Männer andere Fragen als Frauen?

Ja, das ist so. In der Anlaufstelle Frauenzentrale haben Männer meine Dienste bisher ausschliesslich für die Budgetberatung in Anspruch genommen, noch nie für die Vorsorge. Schade! Warum das so ist, weiss ich nicht.

Zur Person

Sylvia Raguth ist Inhaberin der Firma MANDAT-IN die Pensionsplanungen, Finanzberatung und Beratungen für Vorsorge und Versicherung sowie Fachseminare anbietet. Bei der Frauenzentrale Bern ist sie als Budget- und Vorsorgeberaterin tätig. Zuvor arbeitete Frau Raguth viele Jahre auf Kaderebene bei Banken und Versicherungen. Als eidg. dipl. Versicherungsfachfrau und Finanzplanerin verfügt sie über langjährige Erfahrung und breit abgestütztes Expertenwissen.

 

Hier finden Sie die Beratung: www.mandat-in.ch | T 031 922 40 22 | M 079 329 32 02

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