Nachhaltig denken heisst nicht nur ökologisch handeln
Wahre Nachhaltigkeit ist mehr als Ökologie. Wie du dein Business mit Strategie, Klarheit und gezielten Schritten zukunftsfähig aufstellst.
Autorin: Kathrin Bestler
Vor fast fünfzehn Jahren wurde ich ganz unerwartet mit dem Thema Prostitution konfrontiert. Nicht durch Fakten und Statistiken oder Zeitungsberichte, obwohl mich das Thema auch davor nie unberührt gelassen hatte. Diesmal war es anders: Es trat durch das Leben einer kostbaren Frau direkt in unser Haus.
Wir waren gerade erst nach Bern gezogen. Mein Mann und ich stiessen fast gleichzeitig auf das Inserat von Jolanta (Name geändert), damals hochschwanger, die eine Bleibe bis zur Geburt ihres Babys suchte. Ihre Notlage berührte uns und obschon wir erfuhren, dass sie im Rotlichtmilieu arbeitete, entschieden wir uns, sie bei uns aufzunehmen.
In tage- und nächtelangen Erzählungen über ihr Leben gab Jolanta vieles preis, was unsere Herzen bewegte und uns zum Staunen, Erstarren, Erschaudern, manchmal aber auch zum Lachen brachte. Noch nie hatte ich eine Frau kennengelernt, die so offen über ihre Kindheit unter dem Kommunismus, ihre Erfahrungen mit der litauischen Mafia und vor allem über ihre Erlebnisse in der Prostitution erzählt hatte. Immer wieder war da der Gedanke: Darüber sollte man ein Buch schreiben!
Vielleicht kennst du solche Gedanken: Das sollte man doch eigentlich… Oder: Das wäre doch eine gute Idee.
Solche Gedanken habe ich relativ oft. Einige davon verlaufen sich irgendwann wieder. Doch einige Ideen bleiben. Sie lassen einen nicht mehr los. Und manchmal finden sie einen ganz besonderen Anklang im eigenen Herzen.
So war es auch mit dieser Geschichte.
Zehn Jahre! Zehn Jahre später war es Zeit, das Buchprojekt in Tat umzusetzen. Jolanta hat mir ihre Geschichte nochmals erzählt, ich habe sie auf Audio aufgezeichnet und niedergeschrieben.
An gewissen Tagen fiel es Jolanta leicht, ihre Geschichte zu erzählen. An anderen Tagen wiederum kostete es sie sehr viel und sie brauchte auch immer wieder etliche Pausen. Nebst allem Schmerzhaften empfand Jolanta glücklicherweise die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit und die Gespräche über das Erlebte als wertvoll.
Ich selber hatte zwar ein klares Ziel vor Augen, aber keine Deadline. Dann kam der Moment, in dem unser eigenes Leben plötzlich aus den Fugen geriet und das Projekt für zwei Jahre vollständig zum Stillstand kam.
Unser zwölfjähriger Sohn erkrankte völlig unerwartet und verstarb noch in derselben Nacht. Vermutlich war eine Meningokokken-Sepsis die Ursache.
Nichts war mehr so, wie es vorher gewesen war. Als Familie brauchten wir sehr viel Zeit, um uns langsam wieder in einem einigermassen funktionierenden Alltag zurechtzufinden. Die Trauer verschiebt Prioritäten und nimmt zunächst einen grossen Teil der Kraft und des eigenen Lebensraums ein.
Erst nach etwa zwei Jahren fühlte ich mich wieder in der Lage, überhaupt an mein Buchprojekt zu denken. In meinem Inneren wuchs der Wille, das Projekt wieder aufzunehmen. Im Gedenken an meinen verstorbenen Sohn, der mich mit seiner positiven Art sicherlich auch dazu ermutigt hätte, schrieb ich das Manuskript fertig.
Von Anfang an hatte ich einige Leute in meinem Bekanntenkreis, die mir über ihre Erfahrungen beim Verlegen ihrer Bücher Auskunft gaben. Daher kamen für mich die Möglichkeiten Verlag oder Self-Publishing-Dienstleister in Frage. Ich beschloss, zuerst gemäss meiner Energie ein paar Verlage anzuschreiben.
Dies gestaltete sich ziemlich zeitintensiv, da man bei jedem Verlag wieder genau schauen muss, welche Vorgaben er hat und wie man das Ganze einreichen muss.
Nebst Verlagen, bei denen nie eine Antwort kam, habe ich ermutigende Rückmeldungen zu meinem Manuskript gekriegt. Da hiess es jedoch, das Thema Prostitution werde von der Leserschaft nicht gesucht.
Nach ein paar Versuchen bei Verlagen unterzukommen beschloss ich, es mit dem Self-Publishing-Dienstleister zu versuchen. Massgeblich zur Wahl dieser Variante hat die Tatsache, dass mein Mann Covergestaltung und Layout machen konnte.
Schlussendlich bin ich sehr zufrieden mit meiner Wahl, da das Buch automatisch in vielen Online-Shops wie Amazon, Orell Füssli, Ex Libris etc. veröffentlicht wurde.
Interessanter Fakt: Als ich das Buch dann in der Hand hatte und es Buchhandlungen vorstellte, zeigten sie plötzlich doch Interesse und als ich mit einem Probeexemplar in einen Buchladen kam, hatten sie mein Buch bereits bei den Neuheiten ausgestellt. Dieses Exemplar hatten sie anscheinend bereits bei AVA bestellt.
Wenn du die Energie hast, dann ist bei der Buchvermarktung vieles möglich und das Gute daran ist: Du kannst selber steuern, wie viel Zeit du reinstecken möchtest. Ob du jetzt Ressourcen für eine Lesung oder Ausstellung oder einen Insta-Post findest oder nicht.
Ich habe mich immer sehr in ehrenamtlichen Tätigkeiten engagiert, was nach dem Tod unseres Jüngsten zu einem abrupten Ende kam. Als ich wieder etwas mehr zu Kräften kam, wuchs in mir der Wunsch, mich wieder zu engagieren und ich bin schrittweise in die aufsuchende Arbeit im Rotlichtmilieu eingestiegen, was mich mit viel Freude erfüllt.
Jeder unserer Abende im Rotlicht von Bern ist für mich ein Geschenk – dass wir die Frauen, Männer und Transpersonen besuchen dürfen und mit ihnen ins Gespräch kommen, sie beschenken und mit ihnen Zeit verbringen können. Oft denke ich zurück an das Leben von Jolanta, die mir erzählt hat, wie wertvoll für sie Menschen waren, die ihr in ihrer schwierigen Zeit in den Bordellen mit Freundlichkeit begegnet sind.
Vielleicht ist mein Buchprojekt auch eine Ermutigung für dich: Nicht jede Idee muss sofort umgesetzt werden und der Weg zur Umsetzung mag auch anders aussehen als erwartet. Aber wenn eine Idee dich über längere Zeit nicht loslässt und in deinem Herzen immer wieder Raum einnimmt, dann lohnt es sich, ihr Aufmerksamkeit zu schenken.
Wer weiss: Es kann sein, dass jetzt der richtige Moment ist, den ersten Schritt zu wagen.
Herzlich
Kathrin Bestler

Kathrin Bestler, geboren 1973, studierte an der Universität Zürich Sekundarlehrerin. Schon früh galt ihr Interesse neben der Musik den Sprachen, dem Reisen und dem interkulturellen Austausch. Sie unterrichtet seit langer Zeit an einer christlichen Schule und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in der Nähe von Bern.
Heute engagiert sie sich zudem in der aufsuchenden Arbeit im Milieu, wo ihr die Nähe zu Menschen und ihren Lebensgeschichten besonders am Herzen liegt.
Kathrin Bestler
Kathrin Bestler
Webseite: bestler.ch
Email: kathrin@bestler.ch
Telefon: +41 78 821 64 94
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