Der grösste Mangel in der Selbstständigkeit - womenbiz

Der grösste Mangel in der Selbstständigkeit

Veröffentlicht am 4. Mai 2026

Autorin: Valentina Bründer

Gerade in Phasen von Wachstum, Sichtbarkeit und Veränderung braucht es mehr als Strategie. Es braucht innere Stabilität & Selbstvertrauen.

Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als ich zum ersten Mal gegenüber einem ehemaligen Kollegen gesagt habe:

«Ich bin selbstständig.»

Es fühlte sich wackelig und falsch an. Ich habe die Scham in mir gespürt und hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst.

Jahrelang habe ich in Strukturen gearbeitet, die mir sagten, wo ich hingehöre, wer ich bin, was ich kann. Gespiegelt durch einen Titel, Gehalt, Feedback von Vorgesetzten. Plötzlich war das alles weg. Dafür Trauer nicht mehr dazuzugehören. Ab jetzt musste ich selbst wissen, wer ich bin, wo ich hingehöre, mir Struktur geben.

Die Alte loslassen, bevor das Neue da ist

Was in der Selbständigkeit passiert, ist nicht einfach ein Jobwechsel. Es ist ein Identitätsprozess. Der Gang durchs berühmte Nadelöhr.

Es verändert alles und ist unbequem. Durch die systemische Brille betrachtet verlässt du ein Feld, das dir Zugehörigkeit, Orientierung und Bestätigung gegeben hat. Eine Identität.

Du verlässt eine Rolle, die dein Nervensystem kannte. In der Sicherheit und dein Selbstwert definiert wurden. Ist es eine Überraschung, das etwas in dir mit Alarm reagiert?

Viele Frauen, die zu mir kommen, stecken genau hier fest. Sie sind keine Angestellten mehr, können sich aber auch noch nicht Unternehmerin nennen, ohne innerlich zusammenzuzucken oder sich direkt zu schämen.

«Ich versuche es mal mit der Selbstständigkeit» oder «Ich bin noch ganz am Anfang». Sätze, die ich häufig höre. Damit halten sie sich klein, auch wenn sie längst Expertise mitbringen, für die andere viel Geld bezahlen.

Dein System sucht nach Sicherheit und Kohärenz. Die Sicherheit in der alten Identität ist nicht mehr richtig greifbar und die Neue noch nicht spürbar. Es braucht Beweiserfahrungen, Erlaubnis und deine Selbstführung.

Dein Nervensystem ist die heimliche Geschäftsführerin

Wenn wir über Selbstvertrauen sprechen, dann meinen wir das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Handlungen. In sich selbst.

Wie kann es entstehen, wenn wir darauf konditioniert sind auf Bewertung anderer mehr zu hören als auf uns? Wie kann es wachsen, wenn wir mit Sätzen gross geworden sind, wie:

«Das machst du falsch.»
«Deine Schwester hat das aber besser gemacht.»
«Das ist nichts für Mädchen.»

Genau solche Sätze definieren unsere Identität bis in Erwachsenenalter. Sie limitieren, sabotieren und lassen uns immer wieder an unseren Kompetenzen zweifeln.

Solange das deine Realität ist, entscheidet dein Nervensystem gegen dich als Selbstständige.

Du möchtest einen Vortrag über dein Herzensthema halten und kannst schon Tage davor kaum schlafen.
Du schreibst deinen ersten Beitrag für Social Media und veröffentlichst ihn im letzten Moment doch nicht.
Du bekommst eine Anfrage und fängst an deinen Preis schon zu rechtfertigen.

Alles von Frauen gehört, alles selbst erlebt. Dieses Gefühl, sich selbst nicht trauen zu können, obwohl alle Kompetenzen vorhanden sind. Der Kopf weiss es und trotzdem glaubst du es dir nicht.

Es ist kein Persönlichkeitsdefizit. Aus traumasensibler Brille ist es eine alte automatische Schutzstrategie, die der Körper irgendwann gelernt hat.

Das Nervensystem unterscheidet nicht zwischen damals und heute

Wenn ein Kind wiederholt die Erfahrung macht, dass die eigenen Fähigkeiten, Ideen oder Entscheidungen falsch sind, nicht gut genug, dann speichert das Nervensystem eine klare Message: Ich kann mir selbst nicht trauen.

Das ist keine bewusste Überzeugung. Das ist eine körperliche Wahrheit, gespeichert in der Art, wie das autonome Nervensystem auf bestimmte Situationen reagiert. Und diese Reaktion läuft auch dreissig Jahre später noch ab, beim Schreiben eines Angebots, beim Posten auf Social Media, beim Aussprechen deines Preises.

Die unsichtbaren CEOs, die alles steuern

Unter dem mangelnden Selbstvertrauen liegen fast immer Glaubenssätze, Konditionierungen.

«Erst wenn alles perfekt ist, darf ich mich zeigen.»
«Was mir leichtfällt, kann nicht wertvoll sein.»
«Frauen wie ich bauen kein Business auf.»

Diese Sätze sind nicht ausgedacht. Sie wurden gelernt, in Familien, Schulen, Beziehungen, Arbeitskontexten. Sie haben sich ins Nervensystem eingebrannt und definieren deine Identität. Und jetzt, wo du etwas tust, das diesen Sätzen widerspricht und förmlich als Gefahr bewertet wird, werden sie laut.

Damit trägst du nicht nur deine eigenen Überzeugungen, sondern oft auch die deiner Herkunft. Die Zweifel deiner Mutter. Die Angst deines Vaters. Den unausgesprochenen Satz: Du kannst dir selbst nicht trauen.

Dein Selbstvertrauen kann nicht wachsen, solange diese Sätze unberührt bleiben. Sie zu erkennen ist der erste Schritt. Sie zu hinterfragen und zu transformieren, der zweite.

Selbstvertrauen ist kein Gefühl, das vom Himmel fällt

Was ich auf meinem eigenen Weg gelernt habe: Selbstvertrauen entsteht nicht im aussen. Solange dein System die alte Leier immer wieder abspielt, wird es sich nicht nachhaltig verändern. Du brauchst die Handlung und du darfst die alte Geschichte in dir korrigieren.

Das erste Angebot, das du mit zittrigen Händen rausschickst, den ersten Preis, den du hältst und nicht runterhandelst. Beweise, dass die Welt nicht untergegangen ist und du immer noch lebst.

Dein Körper lernt durch Erfahrung, nicht durch Affirmationen vor dem Badezimmerspiegel. Er lernt durch erlebte Sicherheit in neuen Situationen. Jeder kleine Schritt ist ein Signal an dein Nervensystem: Es ist okay. Ich halte das aus. Ich darf das.

Und dann darfst du anfangen dich mit Selbstvertrauen zu führen. Durch das nächste Verkaufsgespräch, den umsatzschwachen Monat und durch die neue Klientenzusage. Du musst nicht warten, bis es da ist. Das Vertrauen wächst im Prozess, im Gehen.


Über die Autorin

Valentina Bründer steht für Souveränität und Selbstvertrauen. Als zertifizierte Gründungsberaterin, Systemischer Coach (DGSF) & EMDR-Coach begleitet sie Frauen auf dem Weg in die Selbständigkeit und in ihrem Wachstumsprozess. Weil sie weiss, wie es sich anfühlt, alles zu können und sich trotzdem nicht zu trauen.

Sie war 20 Jahre im Angestelltenverhältnis, Führungskraft im Maschinenbau, hatte 8-stellige Umsätze und ist trotzdem gegangen. Mit Angst an der einen Hand und Vertrauen an der anderen.

Valentina Bründer
Valentina Bründer

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